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Interview mit Arch. Winfried Schneider Thema: Baubiologisches Bauen und Wohnen

News   •   Aug 07, 2017 13:35 CEST

1. Wie kann man Baubiologie definieren?

„Definitionsgemäß ist Baubiologie die Lehre von den ganzheitlichen Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Wohn- und Arbeitsumwelt. Das Haus bzw. die Wohnung bezeichnen Baubiologen als „dritte Haut des Menschen“. Damit soll zum Ausdruck kommen, wie eng wir mit unserer Wohnumwelt verflochten sind. Ziel ist es, eine gesunde, nachhaltige, schöne und soziale Wohn- und Arbeitsumwelt zu schaffen.“

2. Welche Materialien sind empfehlenswert?

„Wir empfehlen vorrangig nachwachsende und mineralische Materialien wie z.B. Holz, Lehm und Kalk.“

3. Was ist ökologisch gesundes Bauen und wie lässt es sich kurz umreißen?

„Das ökologische Bauen sehen wir als Teil des baubiologischen Bauens, das darüber hinaus auch gesundheitliche und soziale Aspekte berücksichtigt. Beim ökologischen Bauen geht es oft nur um den Energieverbrauch eines Gebäudes, im besten Fall auch um den Energieträger zur Beheizung und um die Ökobilanz von Baustoffen (Lebensweg der Baustoffe vom Rohstoff bis hin zur Wiederverwertung oder Entsorgung). Holz z.B. hat eine deutlich bessere Ökobilanz als Stahlbeton. Solarenergie ist erheblich umweltverträglicher als Erdöl.“

4. Kann man auch ökologisch aber nicht gesund bauen?

„Ja, es werden immer mehr Gebäude erstellt, die mit sehr wenig Energie auskommen, z.B. sogenannte Passiv- oder Plusenergiehäuser. Die soeben angesprochene Ökobilanz der Baustoffe, der Energieträger zur Beheizung und gesundheitliche Aspekte spielen aber bei deren Konzeption oft keine oder nur eine zweitrangige Rolle. Baubiologisch bauen und sanieren bietet also einen erheblichen Mehrwert.“

5. Worauf ist zu achten bei der Planung baubiologischer Bauten?

„Einen guten Überblick kann man sich mit unseren „25 Grundregeln der Baubiologie“ (25grundregeln.baubiologie.de) sowie dem „Standard der Baubiologischen Messtechnik“ (messtechnik.baubiologie.de) verschaffen.“

6. Gibt es Normen oder Richtlinien dazu?

„Es gibt weit verstreut viele Einzelvorschriften, die auch baubiologischen Forderungen entsprechen. So heißt es z.B. im deutschen Baugesetzbuch: Die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse … sind zu berücksichtigen.

Eine Gesamtschau im ganzheitlichen Sinne bieten aber bislang nur wir und einige baubiologische Partnerinstitutionen und Experten im In- und Ausland, wie sie z.B. auf unserer Internetseite baubiologie-verzeichnis.de zu finden sind.“

7. Wie sieht es mit den Kosten aus. Muss man mit deutlichen Mehrkosten rechnen?

„Persönlich ist es mir sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass baubiologisches Bauen eigentlich kostengünstiges und sozialverträgliches Bauen und Wohnen ist. Viele baubiologische Gebäude werden mit einfachen und kostengünstigen Materialien wie z.B. Holz, Lehm- und Kalkprodukten und einer einfachen Haustechnik erstellt. Trotzdem ist baubiologisches Bauen häufig etwa 10 % teurer, v.a. weil aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen auf Qualität geachtet wird. Diese Mehrkosten amortisieren sich i.d.R. innerhalb von ca. 15 Jahren. Langfristig hat man Kostenvorteile und obendrauf ein gesundes und wohltuendes Wohn- und Arbeitsumfeld.“

8. Können Sie mir auch von Bausünden berichten bzw. was wird oft falsch gemacht?

„Viele Neubauten kann man aus baubiologischer Sicht als „Bausünden“ bezeichnen. Viele der heute verwendeten Baustoffe und Bauweisen sind nicht nur mit Umweltproblemen verbunden, sondern können auch zu Schlafstörungen, Beschwerden und nicht selten zu Krankheiten führen.“

9. Ist es sinnvoll, Experten heranzuziehen und warum?

„Wir sehen ausgebildete Baubiologen als „Haus-Ärzte“. Nur sie haben einen Überblick über die komplexen Zusammenhänge, die für ein wirklich gesundes und nachhaltiges Bauen und Wohnen zu beachten sind. Soweit Baufachleute keine baubiologische Ausbildung vorweisen können, raten wir dringend, neben anderen Fachleuten wie z.B. Statiker oder Haustechniker auch qualifizierte Baubiologen zu beauftragen bzw. mit in ein Planungsteam zu integrieren.“

11. Was machen Baubiologen in der Planung und während der Bauphase?

„Baubiologen sind in alle Leistungsphasen integriert, die zur Planung und Erstellung eines Gebäudes nötig sind. Das sind komplexe Leistungen, deren Beschreibung den Rahmen dieses Interviews sprengen würde. Deshalb hierzu nur einige Beispiele: baubiologische Grundstücksauswahl und -bewertung / städtebauliche Kriterien / Raumproportionen / gute Lichtverhältnisse (natürliches und künstliches Licht) / Baustoffauswahl / gutes Raumklima / optimaler Schallschutz / gute Lüftung / Reduzierung elektromagnetischer Felder und Funkwellen / Schadstoffmessungen auf der Baustelle / energiesparendes Bauen und Sanieren / Nutzung erneuerbarer Energiequellen / bestmögliche Trinkwasserqualität…“

12. Wie sieht es aus, wenn ich Altbestand saniere und nicht neu baue?

„Die meisten Menschen empfinden die Kombination von alt und neu als schön und bereichernd. Deshalb, aber auch aus ökologischen Gründen, lohnt es sich, wertvollen Altbaubestand bestmöglich zu restaurieren. Häufig findet man allerdings im Altbestand schlimme Bausünden, wie z.B. hochgiftige Holzschutzmittel, Formaldehyd, PAKs, Asbest, Schimmel, Elektrosmog, hohen Energieverbrauch… Ausgebildete Baubiologen finden diese Belastungen und können Sanierungen fachgerecht betreuen. In Einzelfällen muss man leider zum (Teil-)Abriss raten und neu zu bauen.“

13. Wodurch wird ein Wohlbefinden beim Bewohner erzielt?

„Das Wohlbefinden kann durch die Verwendung natürlicher und ästhetisch ansprechender Materialien, die häufig auch gut riechen und Feuchtigkeit puffern können, spürbar verbessert werden. Weitere Kriterien: Hohe Oberflächentemperaturen (z.B. durch Wandheizung = Strahlungsheizung), gute Luftqualität, naturgemäße Licht- und Beleuchtungsverhältnisse, überwiegend natürliche dezente Farben…“

14. Mit welchen Giften hat man in Gebäuden zu tun?

„Das Spektrum ist enorm und es kommt sehr darauf an, ob es sich um Alt- oder Neubauten handelt. Häufig findet man z.B. Formaldehyd, Lösemittel, Pestizide, Schwermetalle, Asbest, Feinstaub, Schimmel, Bakterien, Allergene z.B. von Hausstaubmilben, aber auch starke Elektrosmog-Belastungen. Mehr hierzu siehe sbm.baubiologie.de

15. Wie sieht es mit der Haustechnik aus und wie wichtig ist diese?

„Der Technikbedarf ist je nach Gebäude und Mensch sehr unterschiedlich. Es gibt gute Gründe für Lowtech, aber auch für Hightech. Welche Technik wo, für wen und wie eingesetzt wird, sollte im Einzelfall entschieden werden. Damit man ein gutes Raumklima erzielt, den Elektrosmog bestmöglich reduziert oder auch das Trinkwasser eine optimale Qualität hat, ist eine baubiologische Begleitung der Haustechnikplanung und -ausführung in jedem Fall zu empfehlen.“

16. Welche Technik kommt in baubiologischen Gebäuden zum Einsatz?

„Empfehlenswert sind u.a. flächige Strahlungsheizungen (z.B. eine wassergeführte Wandheizung), nach baubiologischen Kriterien erstellte Lüftungsanlagen, eine abgeschirmte Elektroinstallation zumindest im Schlafbereich (Nieder- und Hochfrequenz), die Nutzung erneuerbarer Energiequellen (Sonnenenergie, Hackschnitzel, Pellets…), Frischwassertechnik für das Brauchwasser, Regenwasserbewirtschaftung, Trinkwasserleitungen aus Edelstahl…“

17. Ist es auch notwendig, einen Gesundheitsexperten oder einen Feng Shui-Berater zurate zu ziehen?

„Die Baubiologie ist auch eine Disziplin im Grenzbereich zwischen Baufachleuten und Medizinern. So arbeiten wir z.B. eng mit Umweltmedizinern, aber auch mit vielen Ärzten und Vertretern anderer Gesundheitsberufe zusammen. Patienten können oft erst gesund werden, nachdem man ihr Wohn- und Arbeitsumfeld in Ordnung gebracht hat.

Feng Shui sehen wir nicht als Bestandteil der Baubiologie, da wir aus guten Gründen Wert auf wissenschaftlich nachvollziehbare Mess- und Beurteilungskriterien legen. Es spricht aber nichts dagegen, ergänzend auch Feng Shui-Kriterien zu berücksichtigen. Jeder, der Feng Shui oder andere Gestaltungs- oder Harmonielehren als sympathisch und wohltuend empfindet, kann diese ergänzend nutzen. Zunächst sollte aber erst mal das in Ordnung gebracht werden, was durch Fakten oder Messungen belegbar ist, als z.B. Schadstoffe und Elektrosmog vermeiden, gutes Raumklima erzeugen u.v.m., was in diesem Interview bereits angesprochen wurde.“

18. Gibt es noch weiter wichtige Aspekte, die es zu beachten gibt?

„Ja, viele. Unsere Ausbildung zum/zur Baubiologen/in IBN ist komplex und wie in vielen anderen Berufen, ist auch Übung und Praxiserfahrung wichtig.“

Vielen Dank für dieses Interview!

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